Ein Pilotprojekt aus der bayerisch-tschechischen Grenzregion beweist: Für Bayerns Betriebe kann es sich lohnen, bei der Nachwuchssuche verstärkt gen Osten zu blicken.

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Michaela Dettmann, Geschäftsführerin der Anton Steininger GmbH, beweist mit ihrem Projekt, dass sich die Azubisuche in Tschechien für bayerische Unternehmen lohnen kann. Foto: obx-news/Benjamin Franz

Regensburg/Neunburg vorm Wald – Rund 5.000 Lehrstellen bleiben in diesem Jahr im Bayerischen Handwerk nach Angaben der Kammern unbesetzt. Und in Zeiten boomender Konjunktur einerseits und sinkender Absolventenzahlen in Bayerns Schulen andererseits gehen Experten davon aus, dass künftig noch mehr Betriebe keine Lehrlinge finden werden. Eine ostbayerische Traditionsfirma geht seit einigen Jahren neue Wege bei der Nachwuchssuche: Ein Bauunternehmen aus der Grenzregion zu Tschechien akquiriert seit drei Jahren Azubis in Böhmen – und zieht ein positives Fazit: „Wenn die Jugendlichen die Ausbildung geschafft haben und sie danach bei uns bleiben, ist das für uns ein großer Gewinn“, sagt Michaela Dettmann, die Geschäftsführerin der Anton Steiniger GmbH aus Neunburg vorm Wald (Landkreis Schwandorf). Sie und auch die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz sind überzeugt: Das Modell könnte Schule machen und helfen, den Lehrlingsmangel im Freistaat zu entschärfen.

„Für uns ist der Fachkräftemangel schon seit zehn Jahren spürbar“, sagt Michaela Dettmann. Vor dem Hintergrund des heute großen Stellenangebots in der Region und der sinkenden Schülerzahlen werde es von Jahr zu Jahr schwerer, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Bereits seit längerer Zeit trug sie sich deshalb mit einem Gedanken: die Suche nach geeigneten Azubis nicht an der Landesgrenze enden zu lassen. Das Unternehmen machte Nägel mit Köpfen: Seit drei Jahren stellt der Betrieb, in vierter Generation familiengeführt, nun Lehrlinge aus dem Nachbarland Tschechien ein.

Ein zufälliges Treffen zwischen dem Seniorchef Anton Steininger und der Konrektorin einer tschechischen Schule in der bayerisch-böhmischen Begegnungsstätte in Schönsee war die Initialzündung: Die böhmische Lehrerin wollte tschechische Jugendliche in Ausbildung bringen, der Oberpfälzer Bauunternehmen mit rund 200 Mitarbeitern sah eine Lösung für das drängende Nachwuchsproblem. So begannen 2013 vier junge Männer eine Ausbildung zum Maurer. Das Wagnis wurde zum Erfolg: „Geblieben sind uns drei Lehrlinge, von denen zwei die Ausbildung im ersten Anlauf erfolgreich abgeschlossen haben“, sagt Dettmann.

Damit es den Jugendlichen aus dem Nachbarland gut geht, hat das ostbayerische Unternehmen ein Rundum-sorglos-Paket geschnürt: Für die aktuell vier Azubis mit tschechischem Pass konzipierten die Verantwortlichen ein besonderes Betreuungs- und Lernmodell. Auf dem Betriebsgelände entstand sogar ein Ausbildungshaus, in dem die Jugendlichen wohnen und ein zweites Zuhause für die Dauer der Lehre finden.

Die Oberpfälzer Baufirma unterstützt die Jugendlichen weit über ein eigenes Zimmer hinaus: So stellte Steininger eine tschechische Mitarbeiterin ein. Die beschreibt ihre Tätigkeit so: „Ich bin eine Mutti für alle und alles“, sagt Jitka Karasová. Sie begleitet die Jugendlichen zu den Ausbildungsbausteinen in die Handwerkskammer, hilft bei Hausaufgaben, schaut im Haushalt nach dem Rechten, schlichtet Unstimmigkeiten und findet auch mal die richtigen Worte, wenn Heimweh aufkommt.

Die eigens engagierte tschechische Mitarbeiterin springt auch ein, wenn sprachliche Brücken gebaut werden müssen. Denn die größte Herausforderung bleibt nach Aussage der Unternehmenschefin trotz zahlreicher Kurse und Übungen die deutsche Sprache. „Denn gerade beim Fachwortschatz aus dem Bausektor hilft kein Internetübersetzer“, sagt sie. Ihr Fazit drei Jahre nach dem Start: „Der Mehraufwand lässt sich nicht leugnen – aber er lohnt sich.“

Die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, mit über 37.000 Mitgliedsbetrieben Bayern zweitgrößte Kammer, ist überzeugt, dass Azubis aus dem Nachbarland in Zukunft wichtiger werden: „Die Firma Steininger zeigt, dass dieser Weg hervorragend funktionieren kann“, sagt Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer. Allerdings weiß auch er aus vielen Gesprächen mit Unternehmen, dass die Sprache beispielsweise in den Abschlussprüfungen oft noch eine große Herausforderung für viele Betriebe und auch für viele Jugendliche ist.

Die Kammer mit Hauptsitzen in Regensburg und Passau will das ändern: Sie startete deshalb vor kurzem ein Projekt, mit dem die Sprache in den Gesellenprüfungen einfacher werden soll. „Wir wollen die Prüfungsaufgaben in einer verständlicheren Sprache verfassen, ohne jedoch das hohe inhaltliche Niveau zu senken“, sagt Schmidt. Mehrere Oberpfälzer Prüfungsausschüsse schulte die Kammer bereits. Derzeit läuft die Umsetzung. „In nächster Zeit soll diese Vereinfachung in ganz Ostbayern greifen“, sagt der Bildungsexperte.

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Text: obx

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